Lee Stewart: Gegenwärtiger Meister aller Stand Ups

3. Sep 2012

Lee Stewart gehört zu den wenigen Stand Up Comedians, die einen völlig individuellen Stil haben, mit ihren Routinen zum Nachdenken anregen und gleichzeitig über ihre Zunft nachdenken. Besser als Lee geht es kaum noch nicht.

Er fing als arroganter, junger Comedian an, der mit einer merkwürdigen Human League Frisur und einem zynischen Grinsen zusammen mit Kollege Richard Herring für diverse Kultformate der britischen Comedy der 90er sorgte.

Stewart Lee: Fist of Fun!

Stewart Lee und Richard Herring waren das perfekte Comedy Duo, Richard der aufgekratzte, leicht alberne Dufus und Stewart, der ernste, sarkastische James Dean Typ. Beide lernten sich bei der Radioversion von „On the Hour“ kennen, die von Chris Morris moderiert wurde. Als „On the Hour“ in Form von „The Day Today“ ins Fernsehen rüber zog, blieben Lee und Herring aufgrund von kreativen Auseinandersetzungen zurück und erfanden mit „Lee and Herring“, „Fist of Fun“ und „The Morning with Richard not Judy“ (nach der Morgenshow „The Morning with Richard and Judy“) das Talkshow Genre neu.

Die Sendungen trumpften mit amüsanten Sketchen, Routinen und merkwürdigen Charakteren auf, wie einer gigantischen Orange, einem Nachrichtenpaar, das sich mitten in einer Trennung befand und einer TV Serie, in der es um Salat ging.

Nachdem sich die Wege des Duos trennten, legte Lee Anfang des 21. Jahrhunderts eine längere Pause ein, währendder er als Autor tätig war und die Bühne als Stand Up aufgab. Lange hielt das Zölibat jedoch nicht an, 2004 fing er wieder an und dieses Mal mit Material, das seinen einzigartigen Stil mehr und mehr zum Vorschein brachte.

41st best Stand Up Comedian

Lees Routinen zeichnen sich durch einen langen Aufbau aus, der mit stilistischer Brillanz und Wiederholungen an sich schon amüsant ist, aber durch einen ruhig erzählten Beginn hin zu oftmals emotionalen Ausbrüchen in großartigen Punchlines endet. Faszinierend ist dabei, dass seine Erzählweise auch mehrere Minuten ohne Gag auskommt, ohne das Interesse des Publikums zu verlieren.

Seine Themen umfassen vorwiegend religiöse, soziale, mediale und politische Themen, nachdem Lee durch seine satirische Oper „Jerry Springer The Opera“ regelrecht von religiösen Fanatikern terrorisiert wurde, verarbeitete er den Stress und die mediale als auch private Verfolgung beispielsweise in einem mehr als genialen Stand Up Programm, das blasphemischer nicht sein könnte und das deshalb nicht hier gezeigt werden kann.

Stewart Lee musste und muss sich seine Lorbeeren schwer verdienen. Probleme mit seinem Management, der Stress durch die Jerry Springer Oper und eine gecancellte BBC Serie ließen es wie ein wahres Wunder erscheinen, dass er 2010 tatsächlich seine eigene Stand Up Serie namens „Stewart Lee’s Comedy Vehicle“ bekam, in der er in zwei Staffeln für jeweils sechs Episoden verschiedene Themen wie „Religion“, „Comedy“ und „Toilettenbücher“ behandelte.

Stewart Lee: Besser geht’s nicht

Lees Comedy ist mehr als nur eine halbe bis eine Stunde Unterhaltung. Seine Themen handeln von der sinkenden Qualität im Fernsehprogramm zu dem gefährlichen Trend, sich geschmacklos über jemanden zu äußern und es dann als Comedy zu verteidigen, deren Angriff mit „Political Correctness gone mad“ entschuldigt wird. Die Absurdität der Doppelmoral der britischen Entertainer, der Presse und des Publikums wird in seinen Routinen so subtil heraus gearbeitet, dass ein normaler Sketch über Weight Watchers in einer Punchline über religiöser Privilegien enden kann.

Ob nun eine aufblasbare ET Statue inmitten der Blumen für die verstorbene Prinzessin Diana, Toilettenbücher oder die roten Schuhe des Papstes, Lee nimmt Anekdoten und wandelt sie in absurde Metaphern um, springt von einer Metaebene zur nächsten und schafft es dabei immer, zu überraschen.

So einen wie ihn gibt es wohl nicht noch einmal, ähnlich frustriert wie Bill Hicks, gleichzeitig jedoch etwas weniger vulgär ist Lee nicht nur leere Unterhaltung a la Mario Barth, sondern zwingt sein Publikum manchmal schmerzvoll zum Nachdenken. Schockieren kann er dabei auch, aber niemals nur des Schocks willen, denn der Vertreter der politischen Korrektheit hält nur den Spiegel vor, wenn er die „Top Gear“ Moderatoren (die auch mal Witze über ermordete Prostituierte machen) einmal quer durch den Dreck und zurück zieht.

Was er dabei schafft und was nur wenigen anderen gelingt, ist über Comedy hinaus auch emotionale Momente zu schaffen, die betroffen machen. Wenn er sich über die Berichterstattung des Ipswich Killers mockiert, dann schwingt eine traurige, enttäuschte Bitterkeit mit, die das ausmacht, was man auch Bill Hicks schon vorwerfen durfte: Der wahre Misanthrop liebt die Menschen, er wird nur ständig von ihnen enttäuscht.

Seine kreativen Ergüsse kann man sich übrigens auch in Buchform (u.A. „The Perfect Fool“) und als Audioversion eines Kinderbuches („The Pea Green Boat“) durchlesen und anhören.

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