Roche und Böhmermann: Ironie ersetzt Professionalität

Kategorie: Kino und TV
17. Sep 2012

In der zweiten Staffel der forciert skandalösen Talkshow werden die Probleme des Konzeptes leuchtend an den Nachthimmel geworfen. Mittlerweile geht es gar nicht mehr um Unterhaltung, sondern nur noch darum, dem Gast zu zeigen, wie überflüssig er eigentlich ist.

Das unvorbereitete Interview ist eine Kunst, die unvorbereitete Talkshow ein unausweichliches Desaster, natürlich geben die Einschaltquoten dem Duo Roche und Böhmermann Rückenwind, da auch, bzw. gerade ein Desaster für gute Zuschauerzahlen sorgt, man denke da an „Bauer sucht Frau“ oder „Schwiegertochter gesucht“.

Roche & Böhmermann: Innovativ und ironisch oder ironisch innovativ?

Moderatorin Britt Hagedorn wurde für diese Ausschlachtung der sozial ungelenken Menschen von Böhmermann vor laufender Kamera auseinander genommen, zugegeben, vorgeführt werden die Gäste bei „Roche & Böhmermann“ eher weniger, auch wenn man schon spekulieren muss, dass Britt nur eingeladen wurde, um sie in guter alter Böhmermann Manier (die er schon beim Talkradio geübt hat) in Grund und Boden zu reden.

Vielmehr dienen die Gäste als Schmuckwerk, um zumindest den Anschein zu geben, dass man es mit einer Talkshow zu tun hat, einer Talkshow, versteht sich, die keine sein will, gleichzeitig aber deren schlimmste Eigenschaften mit sich trägt.

Humorvoll soll das natürlich auch sein, ebenso humorvoll wie die durchweg ironisch-inhaltsleeren Aussagen in Interviews der beiden Moderatoren. Fast eine nette Metapher auf die Gesprächsinhalte der Sendung.

Die „bissigen“ (oder gewollt schockierenden) Einspieler für die Gäste versuchen sich an Texten, die mit zusammen gekniffenen Augen und viel gutem Willen Max Goldt oder Heinz Strunk Niveau erreichen wollen, stattdessen aber so gezwungen witzig/ironisch wirken, dass man Gänsehaut bekommt. Zwischendurch eingeworfene Schimpfworte, gesprochen von einem hochgeschlossenen William Cohn, haha, der ist doch viel zu alt, um so zu reden und sieht auch gar nicht so aus, das ist ja Comedy allerhöchster Güte!

Interviews mit Smalltalk Niveau

Der 70er Jahre Look suggeriert Inhalt und Debattierkunst, was am Ende heraus kommt ist jedoch das konfuse Kneipengeschwätz, das aufkommt, wenn es niemanden gibt, der die Unterhaltung lenkt, der vorbereitet ist und bestenfalls weiß, wie welcher Gast zu behandeln ist, damit das Gespräch zwar emotional aber nicht manisch wird.

Mit verschmitzten Grinsen machen sich Roche und Böhmermann im Intro darüber lustig, wie wenig sie doch im Vorlauf der aktuellen Sendung recherchiert haben, das ist natürlich nicht wahr, man mag sich eigentlich kaum vorstellen, dass jemand wie Böhmermann dann nicht doch das Internet durchforstet hat, um die Schwächen seiner Interviewpartner zu sezieren und die ehemalige Königin der Musik Interviews ist sicher auch gespannt, wenn sie da am Tisch sitzen hat.

Was das Gesamtkonzept jedoch bietet, ist eine perfekte Ausrede um thematisch nicht einmal auf die Gäste Bezug zu nehmen, sondern nur Hasthag Trendthemen und obskure Fakten zu erfragen. Immerhin geht es hier nicht um schnöde Werbetouren durch Deutschlands Fernsehwelt, wer will da auch nur ansatzweise etwas über die Künstler wissen?

Um Werbetouren geht es dann aber doch, pardon liebe Zuschauer, es mag ja Gäste geben, die sich nur aus Lust an der Freude an den Rundtisch setzen und über Pipikram reden und sich SMS von Udo Lindenberg zeigen, aber dass die meisten der Gäste dann doch frisch ein Projekt am Start haben, lässt doch fast vermuten, dass nicht sie, sondern ihre Manager den Auftritt in der ach so unkonventionellen Sendung organisiert haben.

Zugegeben, vielleicht waren es auch falsche Erwartungen. Sowohl Jan als auch Charlotte kennt man für Sendungen, in denen Inhalt und Information regieren, in denen Interviews geführt wurden, um neue Impulse zu geben und Dinge heraus zu finden. Wie schwer Hitlers Kopf ist, mag für eine arg eingeschränkte Nischengruppierung interessant sein, aber ist sicher nicht der Grund, warum man Mark Benecke eingeladen hat, der doch eigentlich mehr zu erzählen hätte, wenn man ihn den lassen würde.

Vielleicht wollten sie auch mal eine alberne Auszeit. Weg vom klugen Fernsehen, hin zur prätentiösen Unterhaltung, die sich für intelligenter hält als sie ist, ihre Banalitäten mit Ironie kaschiert und durch das lockere Konzept auch schnell entschuldigen kann, wenn mal wieder nichts dabei herum gekommen ist, „Anti“ muss das doch sein, Pipikacka zwischendurch, damit man losprusten kann und dann noch ein ernstes Diskussionsthema dazwischen geschoben weil man ja auch nicht zu platt erscheinen will.

Der perfekte Talkshow Moderator

Jürgen Kuttner ist eine Instanz im deutschen Talkradio. Regelmäßig sprach er im „Sprechfunk“ mit Anrufern zu allen möglichen Themen, banal, emotional, tabu, alles war erlaubt. Das konnte auch mal daneben gehen, gibt Kuttner offen und gerne zu, gerade das sei ja auch das Interessante am Talk Format, dass man nie weiß, was kommt, dass eine Sendung auch mal völlig gegen die Wand fahren kann, wenn die Gesprächspartner nicht mitmachen wollen oder einfach nichts neues zu sagen haben. Allerdings gibt es einen Unterschied und der wiegt schwer: Jürgen Kuttner wollte wissen, was seine Gäste zu sagen haben, für ihn machten sie die Sendung.

Bei Roche und Böhmermann hat man allerdings viel zu oft das Gefühl, dass sie ihre Gäste nur als dekorierende Elemente für ihre eigenen Egos einladen, Böhmermann glänzt gerne als ironisch-intellektuelle Naturgewalt und Roche scheint – leider – zu sehr an süßen Interviewfragen, die zu nichts führen, interessiert zu sein als an dem, was ihre Gäste wirklich zu sagen haben.

Da wäre es fast interessanter gewesen, die Gäste gleich zu streichen und einfach die beiden aufeinander los zu lassen, damit wäre dem Zuschauer auch der enervierende Smalltalk erspart geblieben.

Der Erfolg mag ihnen ja Recht geben, das Konzept setzt sich durch aber – wenn man das aus der Distanz einmal sagen darf – es hätte so schön werden können, wenn man sich gegen forcierte Kabeleien und Smalltalk und für Stringenz entschieden hätte. Denn gerade im Wust der aktuellen Talkshows wäre doch eine Talkshow für alle die, die keine Talkshows mögen, genau die gewesen, die sich wirklich mit den Gästen auseinander setzt…

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