Ross Noble: Improvisation muss gekonnt sein

9. Jan 2012

Ross Noble ist eine absolute Einzelerscheinung in der Welt der Stand Up Comedy, denn während alle anderen Streber ihre Programm auswendig lernen, sagt Noble einfach, was ihm so durch den Kopf schwirrt. Und was für ein Kopf das ist…

Ein Stand-Up Programm ist zu ca. 99% ein fein heraus gearbeiteter Monolog, den der Comedian in- und auswendig kennt, ein guter Comedian schafft es, diesen Monolog so herüber zu bringen, dass er relativ spontan und fast schon improvisiert erscheint, Leute wie Stewart Lee etwa oder auch Dieter Nuhr sind mehr als gut darin.

Und dann gibt es das Stand-Up Programm von Ross Noble, der ca. 3 Witze pro Show hat, die er erzählen will und es trotzdem schafft, 90 Minuten und mehr zu füllen, indem er lange, ausführliche Gespräche mit dem Publikum führt und seinen eigenen, verqueren Gedanken auf der Bühne freien Lauf lässt.

Das könnte bei fast jedem Comedian in absolutem Disaster enden, denn selbst Improvisation funktioniert normalerweise nur dann, wenn es einen gewissen Plan gibt, was oftmals unterschätzt wird. Doch Noble ist ein Jedi-Meister der absurden Gedankensprünge, der mit den kleinsten Schlagwörtern die buntesten Szenarien erstellen kann, alle mit Passion nach gespielt.

Zirkus-Stand-Up?

Geboren wurde Noble in Northumberland, in England, einer kleinen, langweiligen Stadt, in der man eine lebhafte Fantasie brauchte, um sich als Kind nicht zu Tode zu langweilen. Wer Nobles Kleidungsstil gesehen hat, der wird sicher ab und an mal an einen der Parkkünstler erinnert, die mit Kegeln jonglieren, kein Wunder, früher arbeitete er als Clown, Jongleur und wollte dem Zirkus beitreten.

Mit 15 begann er, mit einem Stand Up Programm in lokalen Clubs aufzutreten, auch wenn er damals noch zu jung dafür war (zumindest rechtlich gesehen), mit Dyslexia diagnostiziert stürzte er sich in seine Performances und selbst als Comedian war es immer noch der Zirkus, der ihn begeisterte, so dass er Tricks zeigte und die Witze eher als Füllmaterial nutzte.

Sein Talent, mehr oder weniger ohne fertig geschriebene Witze aus zu kommen, erlernte er als Warm-Up für Studiopublikum, ein reichlich undankbarer Job, bei dem man das Publikum für den eigentlichen Act aufputscht. Ross selbst erlangte dadurch jedoch nicht nur Selbstbewusstsein, sondern erkannte auch schnell, dass er keine Punchlines brauchte, um zu begeistern, es reichte schon die Interaktion mit den Zuschauern und unzähligen Assoziationsketten.

Wer zu spät kommt, ist Material des ersten Witzes

Zu spät kommen ist bei Ross daher ein Fluch oder ein Segen, je nachdem, wie sehr man die Aufmerksamkeit des gesamten Publikums genießt, denn eine der Traditionen seiner Shows ist es, die nachkommenden Gäste ausführlich auszufragen, warum sie zu spät kommen, woher sie kommen und welche Hobbys sie haben.

Gleichwohl kann man seltsame Geschenke am Bühnenrand hinterlassen, um sie dann von Ross besprechen zu lassen. Einzelne Schuhe, Käse oder Sonnenbrillen? Perfekte Gesprächsstarter für den Meister des vor sich hin philosophierens (Joyce ist nichts gegen Noble).

Improv – Kein Kinderspiel

Wer jetzt glaubt, dass das doch ein Kinderspiel wäre, der irrt natürlich, denn die Brillanz von Ross Noble ist die Tatsache, dass nur die härtesten Fans wissen, welche Storys das professionelle Material sind und welche Themen spontan am Showabend entstanden sind.

Ross hat einen bestimmten Rahmen, den er jedoch nach Belieben abändern, ausdehnen und in alle möglichen Richtungen lenken kann. Das erfordert eine unglaubliche Schlagfertigkeit und Konzentration, die so mancher Stand Up, der sein Programm nur noch gelangweilt vor sich abspulen lässt, sicher nicht so einfach aufbringen könnte.

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